Datacenter Insights: Redundanz, Sicherheit & Infrastruktur im Fokus

Cloud Repatriation: Warum Unternehmen ihre Cloud-Strategie neu bewerten

Geschrieben von Julien Babelay | 12.8.2026

Vor einigen Jahren schien die Richtung klar: Cloud First. Anwendungen wurden in die Public Cloud verschoben, neue Projekte direkt dort aufgebaut und eigene Server schrittweise ersetzt.

Heute zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Cloud Computing bleibt zwar ein wichtiger Bestandteil moderner IT-Strategien. Gleichzeitig überprüfen Unternehmen jedoch vermehrt, welche Anwendungen langfristig tatsächlich in der Public Cloud betrieben werden sollen und welche auf einer eigenen Infrastruktur, in einer Private Cloud oder in einem Colocation-Datacenter besser aufgehoben sind.

Diese gezielte Rückverlagerung einzelner Anwendungen oder Daten wird als Cloud Repatriation bezeichnet.

 

Dabei geht es in den meisten Fällen nicht darum, die Cloud vollständig zu verlassen. Vielmehr überprüfen Unternehmen ihre bisherige Strategie und entscheiden für jede Anwendung neu, wo sie technisch, wirtschaftlich und regulatorisch am sinnvollsten betrieben werden kann.

Aktuelle Marktanalysen zeigen, dass Unternehmen sich nicht grundsätzlich von der Cloud abwenden. Stattdessen werden bestehende Infrastrukturentscheidungen neu bewertet und einzelne Workloads gezielt dorthin verlagert, wo sie langfristig den grössten Nutzen bieten. In vielen Fällen entstehen daraus hybride Betriebsmodelle und keine vollständige Rückkehr zur eigenen Infrastruktur.

Warum wird das Thema gerade jetzt wichtiger?

Cloud-Kosten werden genauer analysiert

Cloud-Dienste bieten hohe Flexibilität. Gleichzeitig setzen sich die Kosten aus vielen verschiedenen Bestandteilen zusammen.

Je nach genutzten Diensten fallen Kosten für Rechenleistung, Speicher sowie für den Datenverkehr zwischen Nutzern, Anwendungen und der Cloud an. Hinzu kommen je nach Architektur weitere Dienste wie Datenbanken, Backups oder Sicherheitsfunktionen. Gerade die benötigte Rechenleistung und der Datenverkehr zählen dabei häufig zu den grössten Kostentreibern.

Besonders in grösseren Umgebungen ist deshalb nicht immer sofort ersichtlich, welche Anwendung welche Kosten verursacht. Unternehmen beschäftigen sich heute deutlich intensiver mit der Transparenz ihrer Cloud-Ausgaben und prüfen regelmässig, ob die gewählte Infrastruktur langfristig wirtschaftlich bleibt.

Dabei reicht es nicht, nur die monatliche Gesamtrechnung zu betrachten. Entscheidend ist auch, welche Kosten über den gesamten Lebenszyklus einer Anwendung entstehen und wie sich diese mit zunehmender Nutzung entwickeln.

 

Auch die Wirtschaftlichkeit eigener Infrastruktur hat sich verändert

Früher war der Aufbau einer eigenen IT-Infrastruktur mit hohen Investitionen verbunden. Leistungsfähige Server, Speichersysteme und Netzwerktechnik waren für viele Unternehmen mit entsprechend hohen Anschaffungskosten verbunden.

Heute hat sich der Hardwaremarkt weiterentwickelt. Moderne Server bieten deutlich mehr Rechenleistung und Speicherkapazität als noch vor einigen Jahren. Dadurch kann sich insbesondere bei Anwendungen mit einem konstanten und gut planbaren Ressourcenbedarf eine Neubewertung der Wirtschaftlichkeit lohnen.

Natürlich entstehen auch bei eigener Infrastruktur weiterhin Kosten für Hardware, Wartung, Energie, Kühlung, Netzwerk und Betrieb. In einem professionellen schweizer Colocation-Datacenter muss ein Unternehmen diese Umgebung jedoch nicht selbst aufbauen. Es nutzt seine eigene Hardware, während Stromversorgung, Klimatisierung, physische Sicherheit und Konnektivität durch das Datacenter bereitgestellt werden.

Ob Public Cloud oder eigene Infrastruktur wirtschaftlicher ist, hängt deshalb weniger von einer grundsätzlichen Entscheidung ab als vielmehr von der jeweiligen Anwendung, ihrem Ressourcenbedarf und den langfristigen Betriebskosten.


Nicht jede Anwendung hat dieselben Anforderungen

Die Public Cloud spielt ihre Stärken vor allem dann aus, wenn Ressourcen kurzfristig benötigt werden oder die Auslastung stark schwankt. Entwicklungsumgebungen, internationale Anwendungen oder vorübergehende Lastspitzen lassen sich flexibel bereitstellen und wieder reduzieren.

Anders kann es bei Systemen aussehen, die rund um die Uhr mit einer konstanten Auslastung betrieben werden. Bei stabilen und gut planbaren Workloads kann eine eigene Infrastruktur oder eine Colocation-Lösung langfristig wirtschaftlicher sein.

 

Auch datenintensive Anwendungen stellen besondere Anforderungen. Grosse Datenbanken, Bildarchive, CAD-Daten, Backups oder Analyseplattformen benötigen nicht nur Speicher, sondern verursachen auch Netzwerk- und Übertragungskosten.

Eine Rückverlagerung lässt sich deshalb nicht pauschal bewerten. Entscheidend sind unter anderem das Lastprofil, die Datenmenge, die Anforderungen an Performance und Latenz sowie die gesamten Betriebskosten über den Lebenszyklus einer Anwendung.

Vendor Lock-in: Wenn ein Wechsel immer schwieriger wird

Neben den Kosten beschäftigt viele Unternehmen auch die Frage nach ihrer langfristigen Unabhängigkeit.

Wer zahlreiche cloud-spezifische Dienste nutzt, kann sich technisch stark an einen einzelnen Anbieter binden. Dies betrifft beispielsweise proprietäre Datenbanken, Plattformdienste, Automatisierungen oder Schnittstellen, die nur innerhalb einer bestimmten Cloud-Umgebung verfügbar sind.

Solche Dienste können die Entwicklung beschleunigen und viele Vorteile bieten. Ein späterer Wechsel zu einem anderen Anbieter oder die Rückverlagerung auf eine eigene Infrastruktur kann dadurch jedoch deutlich aufwendiger werden als ursprünglich angenommen.

Anwendungen müssen möglicherweise angepasst, Daten konvertiert und ganze Prozesse neu aufgebaut werden. Cloud Repatriation ist deshalb häufig nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine strategische Überprüfung der eigenen IT-Landschaft.

Eine Exit-Strategie sollte von Anfang an mitgedacht werden

Unternehmen sollten bereits bei der Einführung eines Cloud-Dienstes prüfen, wie Daten und Anwendungen später wieder exportiert oder auf eine andere Plattform übertragen werden können. Je früher Portabilität, offene Standards und klare Zuständigkeiten berücksichtigt werden, desto kleiner ist das Risiko eines schwer lösbaren Vendor Lock-ins.

Daten bewegen kostet Geld

Ein weiterer Aspekt wird bei der Planung häufig unterschätzt: der Datentransfer.

Während das Speichern grosser Datenmengen in der Cloud auf den ersten Blick vergleichsweise günstig erscheinen kann, entstehen häufig zusätzliche Kosten, sobald Daten die Umgebung des Anbieters wieder verlassen.

Diese sogenannten Egress-Gebühren können beispielsweise anfallen, wenn Daten zu einem anderen Anbieter, in ein eigenes Datacenter, zu Kunden oder in eine externe Backup-Umgebung übertragen werden.

Besonders bei grossen Datenmengen kann dies relevant werden. Wer mehrere Terabyte regelmässig zwischen verschiedenen Standorten oder Plattformen verschiebt, sollte diese Kosten bereits bei der Planung berücksichtigen.

Bei einer späteren Cloud Repatriation können die Datenübertragung, die benötigte Bandbreite und mögliche Ausfallzeiten einen erheblichen Teil des Projekts ausmachen. Unternehmen betrachten deshalb zunehmend nicht nur die Kosten für das Speichern von Daten, sondern auch jene für deren Bewegung.

Datensouveränität umfasst mehr als den Datenstandort

Viele Unternehmen achten heute bewusst darauf, in welchem Land ihre Daten gespeichert werden. Der physische Datenstandort ist jedoch nur ein Teil der Datensouveränität.

Ebenso wichtig ist die Frage, welchem Recht der jeweilige Anbieter unterliegt, wer unter bestimmten gesetzlichen Voraussetzungen Zugriff auf die Daten verlangen könnte und wie einfach diese bei Bedarf zu einem anderen Anbieter übertragen werden können.

Gerade internationale Cloud-Anbieter können gesetzlichen Regelungen wie dem US CLOUD Act unterstehen. Dieser ermöglicht es US-Behörden unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen, Daten von US-Unternehmen anzufordern, auch wenn diese ausserhalb der Vereinigten Staaten gespeichert sind.

Das bedeutet nicht, dass Behörden beliebig auf Unternehmensdaten zugreifen können. Es zeigt jedoch, dass beim Thema Datensouveränität nicht nur der Standort eines Rechenzentrums, sondern auch die rechtliche Zugehörigkeit des Anbieters berücksichtigt werden sollte.

Gerade bei sensiblen oder geschäftskritischen Anwendungen kann es deshalb sinnvoll sein, die zugrunde liegende Infrastruktur stärker selbst zu kontrollieren. Cloud Repatriation kann damit sowohl eine finanzielle als auch eine rechtliche und strategische Entscheidung sein.

Ein Beispiel aus der Praxis: 37signals

37signals, das Unternehmen hinter Basecamp und dem E-Mail-Dienst HEY, gehörte lange zu den intensiven Nutzern der Public Cloud. 2022 beliefen sich die Cloud-Kosten des Unternehmens auf rund 3,2 Millionen US-Dollar pro Jahr.

2023 verlagerte 37signals sieben Anwendungen, darunter HEY, von AWS auf eigene Hardware in geografisch getrennten Rechenzentren. Für die dafür benötigte Hardware investierte das Unternehmen rund 700'000 US-Dollar.

Nach Abschluss der Migration sank die jährliche Cloud-Rechnung auf rund 1,3 Millionen US-Dollar. Die Investition in die neue Hardware hatte sich laut 37signals bereits im ersten Jahr amortisiert. Inzwischen geht das Unternehmen davon aus, durch den Cloud Exit über einen Zeitraum von fünf Jahren mehr als 10 Millionen US-Dollar einzusparen.

Entscheidend ist jedoch auch hier der Kontext: 37signals verfügt über vergleichsweise stabile und vorhersehbare Workloads. Gerade dadurch konnte das Unternehmen seine benötigte Infrastruktur langfristig planen und die vorhandenen Kapazitäten in den Rechenzentren effizient nutzen.

Das Beispiel zeigt deshalb nicht, dass die Cloud grundsätzlich zu teuer ist. Es zeigt vielmehr, dass sich bei konstanten Workloads ein Vergleich zwischen Public Cloud und eigener Hardware im Colocation Datacenter lohnen kann.
Quelle:world.hey.com

Cloud Repatriation ist keine einmalige Entscheidung

IT-Infrastrukturen verändern sich laufend. Anwendungen wachsen, Datenmengen nehmen zu und geschäftliche Anforderungen ändern sich.Eine Infrastrukturentscheidung sollte deshalb regelmässig überprüft werden. Was heute die optimale Lösung ist, muss es in fünf Jahren nicht zwingend noch sein.

Genau darin liegt der eigentliche Gedanke der Cloud Repatriation: Nicht möglichst viel oder möglichst wenig Cloud, sondern die richtige Plattform für die jeweilige Aufgabe.

Cloud Repatriation ist kein Cloud-Ausstieg

Der Begriff kann leicht den Eindruck erwecken, Unternehmen würden der Public Cloud vollständig den Rücken kehren. In der Praxis ist eine komplette Rückkehr jedoch eher die Ausnahme.

Cloud Repatriation sollte deshalb nicht als Anti-Cloud-Trend verstanden werden. Vielmehr zeigt die Entwicklung, dass Unternehmen ihre Infrastruktur heute differenzierter planen und bewusst entscheiden, welche Anwendungen dauerhaft in der Public Cloud betrieben werden und welche von einer eigenen Infrastruktur oder einer Colocation-Lösung profitieren.

Variable Workloads, internationale Plattformen oder kurzfristige Projekte können weiterhin sehr gut in der Public Cloud aufgehoben sein. Stabile, datenintensive oder regulatorisch sensible Systeme werden dagegen teilweise auf eine kontrollierbare Infrastruktur verlagert.

Die Cloud wird weiterhin genutzt aber gezielter als noch während der reinen Cloud-First-Strategien.

Fazit

Cloud Repatriation bedeutet nicht, dass Cloud Computing gescheitert ist. Vielmehr zeigt die Entwicklung, dass Unternehmen ihre IT-Infrastruktur heute differenzierter betrachten.

Kosten, Performance, Datenmengen, Vendor Lock-in, regulatorische Anforderungen und die gewünschte Kontrolle über Systeme werden gemeinsam bewertet.

Dabei kann sich herausstellen, dass bestimmte Anwendungen weiterhin in der Public Cloud am besten aufgehoben sind, während andere von einer eigenen Infrastruktur oder einer Colocation-Lösung profitieren.Die entscheidende Frage lautet deshalb heute nicht mehr: Cloud oder Colocation? Sondern: Welche Umgebung bietet für jede einzelne Workload den grössten Mehrwert?

Quellen:

Cloud oder Colocation? Oft ist die Antwort: beides.

Während die Public Cloud ihre Stärken bei flexiblen und dynamischen Workloads ausspielt, profitieren andere Systeme von einer eigenen Infrastruktur oder einem Schweizer Colocation-Datacenter.

Für viele Unternehmen entsteht daraus eine Hybrid-Cloud-Strategie, welche die Vorteile verschiedener Betriebsmodelle miteinander kombiniert.

Wie eine solche Lösung in der Praxis aussehen kann, erfahren Sie in unserem Beitrag:

➡️ Hybrid Cloud aus der Schweiz – flexibel skalieren, unabhängig bleiben

Wenn Sie Ihre eigenen Server in einem professionellen Schweizer Datacenter betreiben möchten, beraten wir Sie gerne zu den Möglichkeiten einer Colocation-Lösung.

Unverbindliche Beratung anfragen